Flug über das Himalaya-Massiv
Will man eine gute Zeit auf dem Dach der Welt verbringen, empfiehlt es sich, mit größeren Geldbeträgen für den Fall, das etwas nicht so läuft, wie es laufen sollte, ausgestattet zu sein.
Schon beim Aussteigen aus dem Flugzeug nach der Ankunft in Tibet fühlte sich das Gehen so an, als würde an jedem Bein eine Bleikugel hängen. Die Zollkontrolle durch die chinesischen Zöllner empfand Steven und alle anderen der Trekkinggruppe als Schikane. Erste Bande mit einer japanischen Mitreisenden verflüchtigten sich schnell bei der Aufteilung der Zimmer im Hotel, nachdem alle den traditionellen weißen Schal als Begrüßungsgeschenk bekommen hatten, denn es herrschte eine eisigkalte Athmosphäre. Steven spürte eine Abneigung der tibetischen Hoteliers gegen alles Fremde, die ihren Grund in der Okkupation Tibets durch die Chinesen hat, welche die kulturelle Identität der Tibeter zersetzt. Eigentlich müsste man sich bei solch einer Reise der Höhelage Tibets langsam annähern. So war es auch mit ein paar Jeeps vorgesehen. Doch der nepalesische Veranstalter hatte die Pläne geändert und die Reisegruppe von Kathmandu direkt nach Lhasa hinaufgeflogen. Mit den Jeeps sollte es dann wieder herunter nach Kathmandu gehen. Drei Tage Akklimatisation waren in Lhasa geplant und Steven bekam am zweiten Tag schon die ersten Anzeichen einer Höhenkrankheit. Auf dem Rückweg, in 6000 Meter Höhe am Eisdom des Kailasch, dem heiligen Berg der Tibeter und dem Berg der Götter, wo der Brahmaputra entspringt, ging es ihm dann so schlecht, dass er in ein Krankenhaus gebracht wurde.
Deal unter der Sauerstoffmaske
Die drei Tage in dem privaten Krankenhaus in Lhasa vergingen im Dämmerzustand. Steven konnte nun überhaupt nicht mehr gehen und war an sein Bett gefesselt. Während der Auslandsrückholdienst der Johanniter noch mit dem Planen der Rückholaktion beschäftigt war und Steven auch Vorwürfe machte, wieso er denn in diese Höhenlage gereist sei, denn die Höhenkrankrankheit kam von seiner Krebser-krankung vor acht Jahren, waren da plötzlich drei Chinesen, die ihn nicht mehr aus den Augen ließen, sein Handy an sich nahmen, womit die spärliche Kommunikation mit dem Auslandsrückholdienst der Johanniter ganz zum Erliegen kam und sich fürsorglich um ihn kümmerten, ihm etwas zum Essen besorgten und sogar seine Pinkelflasche hielten. Einer der drei verbrachte sogar die beiden Nächte in einem freien Bett des einzigen Raumes in dem Krankenhaus. Das Personal des privaten Krankenhauses hatte keine Ahnung, wie der Patient zu behandeln ist. Das Einzige, was die beiden anwesenden Frauen, die auch ihre Kinder dabei hatten und sich deshalb mehr um ihre Kinder kümmerten, als um die beiden Patienten des Hospitals, für Steven tun konnten, war, seine Sauerstoffmaske von Zeit zu Zeit zurecht zu rücken. Steven selbst wusste nicht, wo er war, was mit ihm geschah und hatte wirre Albträume.
Ein Arzt war überhaupt nicht zu sehen und die sanitären Anlagen befanden sich in einem katastrophalen Zustand, wie er bei der Auslieferung, noch immer liegend, feststellte. Für die Höhe des Rechnungsbetrages des Krankenhausaufenthaltes hatte Steven in seiner Situation keine Erkenntnismöglichkeiten. Und wenn er Erkenntnismöglichkeiten gehabt hätte, wäre ihm der Rechnungsbetrag auch egal gewesen, denn er wollte einfach nur weg aus dieser Tristesse.
Für die Begleichung des Rechungsbetrages kamen eigens zwei Bankangestellte einer chinesischen Bank mit einem Lächeln an Stevens Bett, nachdem einer der ständigen Begleiter nach Stevens Kreditkarte gefragt hatte. Eine der beiden Bankangestellten hantierte mit einem ein Zentimenter dicken Bündel von Geldscheinen. Die Rechnung sollte er in Deutschland bei seiner Auslandskrankenversicherung einreichen. Das Geld bekäme er dann zurück, sagte einer der Begleiter zu ihm.
Vor der Einlieferung in das Krankenhaus, oder zwischendurch oder danach, Steven weiß es nicht mehr genau, brachten ihn zwei seiner Begleiter in einem dicken Geländewagen dann noch zu einem Geldautomaten in eine weitere Bank, stützten ihn, weil er ja nicht richtig gehen konnte, führten ihn torkelnd zu einem Geldautomaten und fragten nach seiner Geheimnummer, denn es musste ja noch dasGeld für ein Ticket hinunter nach Chengdu besorgt werden. Nach unzähligen Versuchen, die richtige Geheimzahl einzugeben, kam dann das Geld. Keinem der Bankangestellten und auch nicht dem anwesenden Sicherheitspersonal der örtlichen Polizei kamen wegen dieses Vorganges Bedenken. Mit Steven hätte man alles machen können, weil er vollkommen willenlos und auch hilflos war. Andererseits war er aber auch seinen Helfern dankbar, dass sie sich um ihn kümmerten. Es schien, als wäre das alles ganz normal.
Stevens Blut bekam in dieser Höhenlage durch den Einfluss, den seine Krebserkrankung auf seine Gesundheit hinterlassen hat, nicht genügend Sauerstoff, was er vorher nicht wissen konnte. Er wollte herausfinden, was nun noch möglich ist. Steven möchte heute die ganze Himalaya-Geschichte noch einmal machen, weil er dort oben im Himalaya von der Faszination der Unendlichkeit inspiriert war und Gott näher kam. Aber auf seine Weise und ohne ein Defizit von mehr als 3000 Euro, wie sich später herausstellte. In umgekehrter Richtung, also langsam herauf, hätte er vielleicht nicht die Höhenkrankheit mit ihren für Steven speziellen Auswirkungen bekommen.
Nette Chinesen
Aber trotz aller Schieflagen war es gut, dass die Leute, die sich um Steven kümmerten, ihn schnell nach Chengdu heruntergeflogen haben und damit sein Leben retten konnten, während die Ärzte des Auslandsrückholdienstes der Johanniter erst noch die Rückholaktion beraten und planen mussten und nicht den Ernst der Situation erkannten. Stevens Helfer hingegen kennen solche lebensbedrohenden Situationen und geschäftstüchtig, wie die Chinesen nun mal sind, wissen sie, woraus Kapital zu machen ist.
Dann ging alles sehr schnell. Der Flug in der ersten Klasse erschien so kurz, dass Steven noch nicht einmal zwei Gemüserollen herunter bekam, was jedoch eine Täuschung sein musste. Zwei Gemüserollen bekommt man in einigen Minuten herunter. Der Flug dauerte aber mehr als eine Stunde. Sein Wahrneh-mungsvermögen spielte verrückt. Als das Flugzeug gelandet war, kam sein Leben zurück. Er musste noch sitzen bleiben und eine aussteigende junge Europäerin sagte, nun hätte er wieder Farbe im Gesicht. Eine andere junge Frau, eine Asiatin, wollte genau wissen, wohin es jetzt geht und wo er wohne. Die Leute, die Steven begegneten, waren alle sehr nett, im Gegensatz zu dem Krankenhauspersonal in Lhasa, das sich eigentlich gar nicht um ihn gekümmert hat.
Duxin wartete schon in der Empfangshalle des Flughafens in Chengdu und brachte den Patienten in einem Offroad-Auto, in dem noch ein Arzt und eine Krankenschwester saßen, mit Blaulicht durch den dichten Verkehr Chengdu´s in ein weiteres Krankenhaus. Alles war gut organisiert. Der Smog der Megastadt war nach der sauberen Luft im Himalaya wie ein weiterer Albtraum. Das Krankenhaus war voll mit Menschen und der Notaufnahmearzt, der in einem vergilbten schmutzigen Kittel steckte, sah aus wie ein Schwerstarbeiter und schwitzte. Duxin wich ebenfalls nicht von Stevens Seite. In der ersten Nacht schlief auch er auf einem Stuhl im Krankenzimmer, weil kein weiteres Bett mehr frei war. Um Besuchszeiten scherte sich niemand.
Am zweiten Tag konnte Steven wieder gehen und am dritten Tag brachte Duxin ihn in ein Hotel. Er hatte einen Rückflug über Beijing nach Deutschland organisiert. Steven war seiner selbst noch nicht sicher und man konnte immer noch alles mit ihm machen. Wäre es nach ihm gegangen und hätte er gewusst, dass es ihm nun schnell wieder gut geht, wäre er nicht nach Deutschland zurückgeflogen, sondern hätte erst einmal seinen Koffer mit seinen Sachen in Kathmandu abgeholt.
Wo sind die Rechnungen geblieben?
Doch plötzlich war er in Beijing und bekam gerade noch seinen Flieger nach Deutschland. Zuvor hatte Duxin ihn ebenfalls zu einer Bank geschleppt, ihn nach seiner Geheimnummer gefragt, einen weiteren Geldbetrag abgehoben und in der zweiten Nacht des Krankenhausaufenthaltes in Chengdu seine Tasche mit der Begründung, im Krankenhaus könnte geklaut werden, mit sich nach Hause genommen. Steven vertraute Duxin – obwohl er wegen der Nacht ohne Reisepass in China nicht schlafen konnte, weil er den Morgen und Duxin mit dem Reisepass herbeisehnte. Alles verlief ähnlich wie in Lhasa. Dieses Krankenhaus war zwar wesentlich besser ausgestattet, dafür bedeutend billiger und auch hier bekam er eine Rechnung.
Die Rechnungen beider Krankenhäuser waren jedoch in Deutschland nicht mehr auffindbar. Wollte Duxin Stevens Tasche deshalb mitnehmen, um die Rechnungen verschwinden zu lassen? Steven schien es, weil seine Helfer in Lhasa ihn deshalb ohne schlechtes Gewissen das Bankpersonal ans Bett schickten und ihn danach nach seiner Geheimzahl fragten und dass Duxin ihn ohne Bedenken eine Nacht ohne Reisepass ließ und ebenfalls nach seiner Geheimzahl fragte und mit dem Geldabheben die gleichen Schwierigkeiten hatte, wie Stevens Helfer in Lhasa, deswegen ebenfalls unzählige Versuche im Beisein des ebenfalls in der Bank anwesenden polizeilichen Sicherheitspersonals benötigte und ein chinesischer Polizist des Sicherheitspersonals drei oder vier Mal die vom Geldautomaten verschluckte Kreditkarte hinten wieder herausholen musste, dass dies alles irgendwie ganz normal für chinesische Verhältnisse ist, weil die wirklich nicht wissen, was Menschenrechte sind, die es zu achten gilt. Dass irgendein Polizist ohne weiteres einen Geldautomaten öffnen kann, wer kann sich das schon vorstellen!
Zurück in Deuschland geht die Achterbahnfahrt der Empfindungen und Ereignisse weiter. Sein Zimmer in seiner Wohngemeinschaft ist noch über Monate vermietet, weil Steven vor seiner Höhenkrankheit geplant hatte, von Tibet weiter nach Indien, von wo er über Kathmandu nach Tibet eingereist war, nach Thailand zu reisen. Sein Koffer mit seinen Sachen ist aber nun in Kathmandu und er ist in Deutschland, weshalb er seinen Koffer nach Bangkok schicken lassen wird, dann über Paris und London fahren wird und von London nach Bangkok fliegen wird.
In Bangkok wird er jedoch feststellen, dass es nicht einfach ist, an seinen Koffer heranzukommen, weil der thailändische Zoll den Kofferinhalt von der Socke bis zum Laptop mit einer Einfuhrsteuer belegt hat und Steven nicht nur sämtliche Zolldeklarationen über sich ergehen lassen muss, sondern auch noch gleich zweimal mehr Steuern zahlen muss, die sich die korrupten Zöllner in die eigene Tasche stecken. Aber dies ist eine andere Geschichte.
Tags: China, Chinesen, Geheimzahl, Geldautomat, Geldwäsche, Höhenkrankheit, Himalaya, Johanniter, Krebserkrankung, Kreditkarte, kulturelle Identität, Lhasa, Menschenrechte, Tibet



